Die Zweitfrau

By Posted in - Ägypten & Allgemein on November 19th, 2014 2 Comments Alexandria Srassenschild
Alexandria Srassenschild

Die Rue Saad Zaghloul ist eine der die beliebtesten Einkaufsstrassen in Alexandria. Hier in der Nähe spielt diese wahre Geschichte.

Ich bin in Alexandria bei KFC, es gibt es nicht einen einzigen freien Tisch, der Laden ist absolut überfüllt.

Während ich hilflos mit meinem Tablett durch die Gegend gucke, auf der Suche nach einem freien Plätzchen, winken mir zwei junge Frauen lebhaft  zu.

Sie bedeuten mir, mich zu ihnen an den Tisch zu setzen. Beide sind unverschleiert, tragen Jeans und teure Lederjacken. Natürlich tragen sie auch tonnenweise Make Up im Gesicht, wie es die Frauen aus der Oberschicht Ägyptens  häufig tun.

Die beiden sind Schwestern. Die Ältere, Huda,  ist eine sehr erfolgreiche Journalistin, mit großem Auto und einem Sommerhaus in Marina direkt am Strand. Sie ist geschieden –  glücklich geschieden –  wie sie betont und nicht daran interessiert jemals wieder zu heiraten. Sie genießt ihre Freiheit in volle Zügen, eine starke, selbstbewusste Frau,  die einen ihrer Ringe vom Finger zieht und ihn mir schenkt. Ich bin sehr gerührt von soviel spontaner Zuneigung.  Die jüngere Schwester, Bibi, Mitte Zwanzig, wirkt ziemlich depressiv.  Sie erzählt mir,  dass sie Probleme mit ihrem Ehemann hat.  Unvorsichtiger Weise frage ich, was denn das Problem sei.

»Er hat noch eine Ehefrau«, seufzt sie. »Und er ist die meiste Zeit bei ihr.«

Entrüstet frage ich sie, warum sie sich nicht sofort von ihm trennen würde,  eine Zweitfrau wäre doch wirklich ein guter Grund für eine Scheidung.

»Ich bin die Zweitfrau«, flüstert sie, »Die andere Frau weiß nichts von mir.«

Ich schnappe nach Luft, »Er hat dir verheimlicht, dass er schon verheiratete ist?«

»Nein«, sagt sie, »ich wusste es.«

»Warum um alles in der Welt hast du ihn  dann geheiratet?«

Sie zuckt mit den Schultern. »Ich weiß nicht. Ich wollte von zu Hause weg. Mein Vater war sehr streng. Ich dachte, als Ehefrau hätte ich mehr Freiheiten.

Aber mein Mann erlaubt mir nicht, zu arbeiten. Ich sitze den ganzen Tag zu Hause. Er kontrolliert mich. Er ruft ständig zu Hause an. Nur mit meiner Schwester darf ich manchmal irgendwohin gehen, so wie jetzt.

Früher habe ich gearbeitet und hatte mein eigenes Geld.«

»Seine erste Frau weiß nichts von  der Hochzeit«, wiederholt sie immer wieder.

»Vielleicht wird sie es nie erfahren. Sie haben drei Kinder und er will keinen Stress. Deshalb schläft er fast immer bei ihr. Nur hin und wieder verbringt er die Nacht bei mir und erzählt ihr dann, dass er geschäftlich unterwegs ist.«

» Dann trenne dich doch von ihm «, schlage ich, praktisch wie ich bin, vor. »Oder liebst du ihn so sehr, dass du das alles für immer und ewig mitmachen möchtest?«

Wieder zuckt sie mit den Schultern, dann flüstert sie, »Ich habe einen Liebhaber, aber sag nichts meiner Schwester.«

Die nichtsahnende Schwester ist gerade auf der Toilette.

»Einen Liebhaber?«, fragte ich neugierig.

»Ja, er lebt in Kairo.«

Sie seufzte erneut, dieses mal mit Tränen in den Augen. »Er kommt einmal in der Woche nach Alexandria.«

»Wie hast du ihn getroffen?«

»Oh, das war eine Geschichte. Ich habe mich verwählt und hatte ihn am Telefon. Wir haben uns stundenlang am Telefon unterhalten und dann schlug er vor mich zu besuchen. Es war Liebe auf den ersten Blick.«

»Und?«,  frage ich ungeduldig.

Sie seufzt wieder. »Er ist auch verheiratet. Seine Frau erwartet gerade ihr viertes Kind. Er kann sie jetzt nicht verlassen, aus finanziellen Gründen. Aber er liebt nur mich.«

Das Ganze klingt wie eine kitschige Liebesnovelle, so dumm, dass es einfach nicht wahr sein kann.

Bibi fließt über vor Verständnis für die beiden Männer in ihrem Leben. Ich werde langsam müde. Die ältere Schwester hat noch einen Interview-Termin und das ist der Startschuss für Bibi, richtig loszulegen.

Sie beschreibt mir ihr Liebesleben in allen Details. (Diese Details werde ich hier diskret wie ich bin – und weil sie nichts tur Sache tun – nicht erörtern.)

Unglücklicher Weise ist ihr Ehemann ausgerechnet heute nicht in der Stadt, so dass sie nicht nach Hause muss.

Bibi kommt nicht für einen einzigen Augenblick in den Sinn, dass sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen muss.

Sie ist einfach nur glücklich endlich jemanden gefunden zu haben, dem sie ihre Geschichte erzählen kann.

Ich muss um fünf Uhr morgens aufstehen und bin nicht weiter interessiert an Details aus ihrem sporadischen Liebesleben.

Nach einer schlaflosen Nacht mache ich mich todmüde auf zum Flughafen Borg el Arab. Ich bin platt wie eine Flunder.

Was ich aus der Geschichte gelernt habe?

Ganz einfach, ich gehe nie wieder zu KFC, sondern gleich in einen der kleinen Coffee Shops an der Straße.

Da kann ich in Ruhe sitzen und eine Shisha rauchen, il hamdu lillah!!!

(2) awesome folk have had something to say...

  • Andrea Grottke - Antworten

    30. November 2014 at 18:17

    Das freut mich…Lachen ist gut für die Seele 🙂

  • Michael Hadjian - Antworten

    29. November 2014 at 21:54

    Schon lange nicht mehr soooo gelacht…Ich war noch nie bei KFC, aber jetzt

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